Es gab eine Zeit, in der behördliche Warnungen Risiken vorbehalten waren, die eine unbestreitbare Gefahr darstellten: Glatteis, herannahender Sturm, Corona. Den jüngsten Schlagzeilen zufolge scheint die größte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit ein Glas Sauvignon auf der Terrasse zu sein. Wer die aktuellen Nachrichten zum Thema Alkohol verfolgt, gewinnt den Eindruck, dass man nach einem Schluck Wein unter heulenden Sirenen in die Notaufnahme gebracht wird.
Text: Ilja Gort | Bild: ChatGPT
Eines muss klar sein: Alkohol ist nicht ungefährlich. Wer täglich eine Flasche Whisky trinkt, geht Gesundheitsrisiken ein. Ebenso wenig lässt sich der Schaden leugnen, den Alkohol im Straßenverkehr, bei Suchterkrankungen oder durch Gewalt anrichten kann. Das sind ernste Probleme, die Beachtung verdienen. Aber gerade deshalb verdient auch die differenzierte Betrachtung Beachtung. Und genau da liegt das Problem.
Dénormalisieren
Der Gesundheitsrat kommt zu dem Schluss, dass es keine sichere Untergrenze für den Alkoholkonsum gibt, und empfiehlt der Regierung, den Alkoholkonsum aktiv zu ‘entnormalisieren’.
Weniger Werbung. Weniger Verkaufsstellen. Höhere Verbrauchsteuern. Weniger Präsenz in Filmen, Serien und sozialen Medien. Kurz gesagt: Alkohol muss aus dem Straßenbild verbannt werden. Das ist eine einschneidende Empfehlung. Und sie wirft eine interessante Frage auf.
Wo endet wissenschaftliche Differenzierung … und wo beginnt die öffentliche Darstellung?
Nehmen wir den Satz, den die Medien so eifrig nachplappern: ‘Es gibt keine sichere Untergrenze.’ An sich eine wissenschaftlich korrekte Aussage. Es gibt keine Alkoholmenge, bei der das Gesundheitsrisiko genau null ist.
Die meisten Leser verstehen das jedoch anders. Sie lesen: Jedes Glas ist gefährlich!
Das sind zwei völlig unterschiedliche Botschaften. Dieser relative Anstieg des Risikos klingt beeindruckend, aber wenn man nicht klar angibt, wie groß dieses Risiko nun genau ist, weiß der Leser immer noch nichts. Steigt seine Wahrscheinlichkeit, nach einem Glas Rotwein das Zeitliche zu segnen, nun um 1 Prozent oder um 100 Prozent?
Untersuchungen und Studien
Auffällig ist auch, dass die wissenschaftliche Diskussion immer einseitiger dargestellt wird. Jahrzehntelang wurden Studien veröffentlicht, aus denen hervorging, dass mäßige Weintrinker älter wurden als Abstinenzler. Die mediterrane Ernährungsweise, die weltweit am besten erforschte Ernährungsweise, lieferte hierfür einen wichtigen Hinweis.
Der Gesundheitsrat lehnt diese Studien ab, da die Kontrollgruppen in bestimmten Fällen verzerrt seien. Na gut. Aber Studien, in denen diese Effekte korrigiert wurden, konnten bei mäßigen Trinkern keine Schäden feststellen. Diese Studien wurden nicht widerlegt. Sie wurden einfach abgetan.
Die gesamte Berichterstattung über Alkohol scheint derzeit vor allem in eine Richtung zu gehen. Wenn eine Studie ein Gesundheitsrisiko feststellt, schafft sie es mühelos auf die Titelseite. Wenn andere Studien ein positiveres Bild zeichnen, werden sie als ‘unzureichende Beweislage’ abgetan.
Und so verlagert sich die Diskussion unbemerkt von der Wissenschaft hin zum Framing.
Wissenschaftlich fundierte Empfehlungen
Der Gesundheitsrat erfüllt den Zweck, für den er gegründet wurde: Er berät die Regierung und das Parlament auf der Grundlage der verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse. Das ist seine gesetzliche Aufgabe. Doch zwischen einer wissenschaftlichen Empfehlung und der Art und Weise, wie diese anschließend in Schlagzeilen, Talkshows und der Kommunikation der Behörden wiedergegeben wird, geschieht etwas Bemerkenswertes.
Die Nuance geht verloren.
Eine wissenschaftliche Schlussfolgerung wie ‘Es gibt keine sichere Untergrenze’ verwandelt sich schnell in: ‘Jedes Glas ist gefährlich.’. Ein minimales statistisches Risiko wird zu einer dringenden Warnung. Und eine Empfehlung, den Alkoholkonsum zu reduzieren, vermittelt den Eindruck, dass schon ein einziges Glas Wein zum Essen gesellschaftlich nicht mehr akzeptabel ist. Genau da beginnt das Framing.
Die meisten Kardiologen und Organisationen im Bereich der öffentlichen Gesundheit sagen heutzutage:
‘Wenn man gelegentlich in Maßen Alkohol trinkt, hat das wahrscheinlich keine größeren gesundheitlichen Nachteile, aber man sollte nicht mit der Vorstellung trinken, dass Alkohol ein Medikament sei.’
Aber das lese ich nirgendwo. Nein, ich lese: ‘Sieben Krebsarten!’ und ‘Schon ein Glas ist zu viel!’
Diskussion
Die Diskussion über den Alkoholkonsum ist berechtigt. Aber dann sollten wir sie auch ehrlich führen. Schließlich leben wir ständig mit Produkten und Gewohnheiten, die Gesundheitsrisiken bergen. Zu viel Zucker erhöht das Diabetesrisiko. Zu viel Salz erhöht den Blutdruck. Sonnenlicht verursacht Hautkrebs. Erdbeeren sind mit extrem hohen Dosen an Pestiziden belastet. Niemand kommt daraus zu dem Schluss, dass ein Dessert, ein Baguette oder ein Nachmittag am Strand ‘entnormalisiert’ werden müssten.
Sobald es jedoch um Alkohol geht, scheint schon das geringste Risiko auszureichen, um das gesamte Produkt gesellschaftlich in Verruf zu bringen.
Täuschen Sie sich nicht: Ich bin Winzer und großer Weinliebhaber und in diesem Sinne voreingenommen, aber in den letzten fünf Jahren haben sich unsere Winzer auf die Herstellung alkoholfreier Weine spezialisiert (‘Gogo Zero, der einzige alkoholfreie Wein, den man trinken kann’) spezialisiert, und die Verkaufszahlen zeigen einen deutlichen Aufwärtstrend. Von unserer Seite gibt es also keine Beschwerden über alkoholfreien Wein. Im Gegenteil.
Eine Gesellschaft, in der problematischer Alkoholkonsum eingedämmt wird, ist ein lobenswertes Ziel. Eine Gesellschaft, in der nicht mehr zwischen Alkoholmissbrauch und einem Glas Wein zum Essen unterschieden wird, wird der Realität nicht gerecht. Die Wissenschaft soll Risiken aufzeigen. Aber die Politik und die Medien sollen für die Nuancen sorgen. Denn ohne Nuancen wird Aufklärung zu Framing.
Herzlichen Dank!

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